Kurz gesagt: Kompressionstherapie kann bei ausgewählten venösen und lymphatischen Erkrankungen ein wichtiger Bestandteil der Behandlung sein. Sicher ist sie nur, wenn Indikation, arterielle Durchblutung, Herz-Kreislauf-Situation, Hautzustand und Passform berücksichtigt werden. Für Pflegepersonen bedeutet das: sorgfältig vorbereiten, korrekt anwenden, engmaschig beobachten und Warnzeichen ernst nehmen.
Die Kompressionstherapie in der Pflege ist deshalb weit mehr als das Anziehen eines Strumpfes oder das Wickeln eines Verbandes. Sie verbindet klinische Beobachtung, praktische Fertigkeit, Patient:inneninformation und nachvollziehbare Dokumentation.
Was bewirkt eine Kompressionstherapie?
Von außen ausgeübter Druck kann den venösen Rückstrom unterstützen, Ödeme reduzieren und die Wirkung der Muskelpumpe verbessern. Aktuelle Leitlinien unterstützen den Einsatz unter anderem bei symptomatischen chronischen Venenerkrankungen und venösen Ulzera – stets angepasst an Befund, Therapieziel und individuelle Risiken.
Kompression ist jedoch keine Maßnahme „für jedes geschwollene Bein“. Ein Ödem kann unterschiedliche Ursachen haben. Vor Beginn müssen Diagnose, Indikation und mögliche Gegenanzeigen geklärt sein.
Welche Kompressionssysteme gibt es?
| System | Typischer Einsatz | Worauf Pflegepersonen achten |
|---|---|---|
| Medizinischer Kompressionsstrumpf | Häufig in der längerfristigen Versorgung | Richtige Größe, faltenfreier Sitz, Hautkontrolle und Anziehhilfe |
| Kompressionsverband | Unter anderem in Entstauungsphasen und bei veränderlichem Beinumfang | Erfordert geschulte Anlagetechnik und regelmäßige Wirkungskontrolle |
| Adaptives Kompressionssystem | Verstellbare Wrap-Systeme für ausgewählte Situationen | Korrekte Einstellung, Einweisung und regelmäßige Nachkontrolle |
| Intermittierende pneumatische Kompression (IPK) | Gerätegestützte, zeitweise Druckanwendung nach eigener Indikation | Nicht mit Strumpf oder Verband gleichsetzen; geräte- und indikationsbezogene Vorgaben beachten |
Welches System geeignet ist, hängt nicht nur von der Diagnose ab. Auch Mobilität, Hautzustand, Beinform, Wundversorgung, Feinmotorik, Unterstützung im Alltag und Therapietreue spielen eine Rolle.
Der Sicherheitscheck vor der Anwendung
Vor jeder Anwendung sollte geklärt sein, ob die Kompression für die konkrete Person angeordnet und geeignet ist. Ein praxistauglicher Check umfasst folgende Punkte:
- Indikation und Auftrag: Sind Therapieziel, System und Umfang der Anwendung eindeutig?
- Arterielle Durchblutung: Liegt eine aktuelle Beurteilung vor? Bei auffälliger Hautfarbe, Kälte, fehlenden Pulsen, Ruheschmerz oder ungeklärten Beschwerden ist vor der Anwendung eine medizinische Abklärung erforderlich.
- Herz-Kreislauf-Situation: Eine dekompensierte oder schwere Herzinsuffizienz verlangt eine besonders sorgfältige ärztliche Beurteilung und Überwachung.
- Haut und Wunden: Hautdefekte, Druckstellen, Infektionszeichen, nässende Areale und fragile Haut müssen berücksichtigt und versorgt werden.
- Sensibilität und Schmerz: Neuropathien oder eingeschränkte Wahrnehmung erhöhen das Risiko, schädigenden Druck zu spät zu bemerken.
- Passendes Material: Stimmen Produkt, Größe, Zustand und – soweit vorgegeben – Druckklasse beziehungsweise Verbandssystem?
Bei einer bekannten oder vermuteten arteriellen Durchblutungsstörung darf nicht allein nach Blickbefund entschieden werden. Die weitere Vorgehensweise gehört in ärztliche beziehungsweise spezialisierte Hände.
Kompression richtig anwenden: zentrale Pflegeprinzipien
1. Haut vorbereiten und Ausgangszustand erfassen
Vor dem Anlegen werden Haut, Wunden, Ödem, Schmerz, Hauttemperatur, Farbe und Sensibilität kontrolliert. Auffälligkeiten sollten nicht nur dokumentiert, sondern vor der Anwendung fachlich eingeordnet werden. Hautpflegeprodukte müssen mit dem verwendeten Material kompatibel sein.
2. Falten, Einschnürungen und lokalen Spitzendruck vermeiden
Falten, eingerollte Ränder, schlecht gepolsterte Knochenvorsprünge oder ein unpassendes System können örtlich hohen Druck verursachen. Internationale Sicherheitsempfehlungen nennen Hautreizungen, Beschwerden und Schmerzen als häufigere unerwünschte Wirkungen; schwere Schäden sind selten, können bei falscher Anwendung oder übersehenen Risiken aber auftreten.
3. Wirkung und Verträglichkeit kontrollieren
Nach dem Anlegen werden Sitz und subjektives Empfinden überprüft. Bei erhöhtem Risiko oder einer neuen Versorgung sind frühere und häufigere Kontrollen sinnvoll. Kontrollintervalle richten sich nach Befund, Anordnung, Produkt und hausinternem Standard.
4. Bewegung sinnvoll einbeziehen
Wenn es der gesundheitliche Zustand erlaubt, unterstützt Bewegung der Fuß- und Wadenmuskulatur den venösen Rückstrom. Mobilisation darf jedoch nicht schematisch erfolgen, sondern muss zu den individuellen Möglichkeiten und Einschränkungen passen.
Warnzeichen: Wann die Anwendung nicht fortgesetzt werden darf
Folgende Veränderungen erfordern ein sofortiges Innehalten, eine Kontrolle und eine medizinische beziehungsweise fachliche Abklärung nach lokalem Standard:
- neu auftretende oder deutlich zunehmende Schmerzen
- Taubheit, Kribbeln oder ein auffälliger Sensibilitätsverlust
- blasse, bläuliche oder ungewöhnlich kalte Zehen beziehungsweise Füße
- neue Druckstellen, Blasen oder Hautverletzungen
- rasch zunehmende Schwellung ober- oder unterhalb des Systems
- akute Atemnot, Brustschmerz oder eine deutliche Kreislaufverschlechterung
Ein Kompressionssystem soll stützen, nicht neue starke Schmerzen oder neurologische Beschwerden verursachen. Solche Symptome dürfen nicht als normale Eingewöhnung abgetan werden.
Fünf häufige Fehler in der Praxis
- Kompression ohne geklärte Indikation: „Geschwollen“ ist keine ausreichende Diagnose.
- Falsche Größe oder Technik: Zu lockere Versorgung verfehlt das Ziel; lokaler Überdruck kann schaden.
- Keine Verlaufskontrolle: Beinumfang, Haut und Belastbarkeit können sich verändern.
- Warnzeichen werden bagatellisiert: Neue Schmerzen, Kälte oder Verfärbung gehören abgeklärt.
- Patient:innen werden nicht einbezogen: Ohne verständliche Anleitung sinkt die Therapietreue – besonders wenn das An- und Ausziehen schwierig ist.
Patient:innen anleiten und Therapietreue fördern
Der beste Plan hilft wenig, wenn das System im Alltag nicht getragen oder falsch angewendet wird. Pflegepersonen sollten deshalb erklären:
- welches Ziel die Kompression verfolgt,
- wann und wie lange sie laut individueller Vorgabe angewendet wird,
- wie Haut und Sitz kontrolliert werden,
- welche Warnzeichen eine rasche Rückmeldung erfordern,
- wie Anziehhilfen oder Unterstützung durch Angehörige beziehungsweise Dienste genutzt werden können.
Praktische Hürden sind relevant: Aktuelle Gefäßleitlinien weisen darauf hin, dass konsequente Anwendung und korrektes Anziehen für viele Betroffene schwierig sein können. Eine gemeinsame, realistische Lösung ist oft wirksamer als eine reine Aufforderung zum Tragen.
Was gehört in die Pflegedokumentation?
- Indikation beziehungsweise vorliegende Anordnung und verwendetes System
- Haut-, Wund-, Schmerz- und Ödembefund vor der Anwendung
- Datum, Uhrzeit und durchgeführte Maßnahme
- Sitz, Verträglichkeit und Beobachtungen nach dem Anlegen
- erteilte Information und Anleitung
- Auffälligkeiten, getroffene Maßnahmen und verständigte Personen
- vereinbarter Kontroll- oder Wechselzeitpunkt
Eine klare Dokumentation macht den Verlauf erkennbar und erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Pflege, Medizin, Wundmanagement, Therapie und Angehörigen.
Wissen zur Kompressionstherapie vertiefen
Wer die theoretischen Grundlagen systematisch erarbeiten möchte, findet in der Online-Fortbildung „Kompressionstherapie – Schwerpunkt untere Extremität“ unter anderem Inhalte zu Wirkungsweise, Materialkunde, Verbandstechniken und Praxisfällen. Die Fortbildung dauert 1 Stunde und 30 Minuten inklusive Abschlussquiz und schließt mit einem Fortbildungszertifikat ab.
Darauf aufbauend zeigt der „Kompressionsworkshop – Schwerpunkt untere Extremität“ diagnostische Maßnahmen vor der Anlage sowie ausgewählte Verbandstechniken in Demonstrationen.
Kompression sicherer anwenden
Erarbeiten Sie zuerst die theoretischen Grundlagen und vertiefen Sie anschließend die praktische Durchführung anhand der Demonstrationen im Workshop.
Häufige Fragen zur Kompressionstherapie in der Pflege
Darf bei einer arteriellen Durchblutungsstörung komprimiert werden?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Ausmaß der Durchblutungsstörung, Messwerte, Beschwerden und gewähltes System müssen fachlich beurteilt werden. Ohne aktuelle Abklärung und klare Vorgabe sollte keine eigenständige Kompression begonnen oder verändert werden.
Ist Schmerz unter Kompression normal?
Ein ungewohntes Druckgefühl kann vorkommen. Neu auftretender, starker oder zunehmender Schmerz, Taubheit, Kälte oder eine Farbveränderung sind dagegen Warnzeichen und müssen unverzüglich kontrolliert und abgeklärt werden.
Was ist besser: Strumpf oder Verband?
Das hängt von Behandlungsphase, Diagnose, Beinform, Ödem, Haut- und Wundsituation sowie den Fähigkeiten der betroffenen Person ab. Die Systeme sind nicht beliebig austauschbar.
Wie oft muss kontrolliert werden?
Es gibt kein universelles Intervall für jede Versorgung. Neue Anwendungen, Risikokonstellationen und sich verändernde Befunde benötigen engere Kontrollen. Maßgeblich sind individuelle Anordnung, Produktinformation und der lokale Standard.
Fazit
Eine sichere Kompressionstherapie beginnt mit der richtigen Indikation und endet nicht mit dem Anlegen. Entscheidend sind ein strukturierter Sicherheitscheck, fachgerechte Technik, Beobachtung, Patient:innenanleitung und vollständige Dokumentation. Wer Warnzeichen früh erkennt und die Versorgung an den Alltag der betroffenen Person anpasst, trägt wesentlich zu Sicherheit und Therapietreue bei.
Fachlicher Hinweis: Dieser Beitrag dient der Fortbildung von Pflegepersonen und ersetzt weder eine individuelle medizinische Beurteilung noch eine ärztliche Anordnung, Produktschulung oder lokale Arbeitsanweisung. Zuständigkeiten richten sich nach Qualifikation, geltenden Rechtsgrundlagen und den Vorgaben der jeweiligen Einrichtung. Stand: September 2026.
Quellen und weiterführende Literatur
- Rabe E. et al.: Risks and contraindications of medical compression treatment – An international consensus statement. Phlebology. 2020.
- Society for Cardiovascular Angiography & Interventions: 2025 SCAI Clinical Practice Guidelines for the Management of Chronic Venous Disease.
- AWMF: S1-Leitlinie Intermittierende pneumatische Kompressionstherapie (IPK), 2025.
- Beitragsbild: Judy Beth Morris auf Unsplash.


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