Kurz gesagt: Das ABS-Schema strukturiert die Patientenübergabe zwischen Rettungsdienst und Krankenhaus in drei Blöcke: Aufnahmeinformation, Begleitinformation und Sozialanamnese. So erhält das übernehmende Team zuerst die akute Situation, danach relevante Hintergrundinformationen und schließlich die Angaben, die für Betreuung und Organisation wichtig sind.
Eine ABS-Schema-Übergabe soll nicht möglichst viele Informationen enthalten, sondern die richtigen Informationen in einer nachvollziehbaren Reihenfolge. Das erleichtert Rückfragen und senkt das Risiko, dass an einer besonders sensiblen Schnittstelle Wesentliches überhört oder vergessen wird.
Woher kommt das ABS-Schema?
Das ABS-Briefing wurde in Tirol für die standardisierte Übergabe vom Rettungsdienst an das Ambulanzpersonal entwickelt. Nach einer Pilotphase wurde es 2016 in den Tiroler Fondskrankenhäusern und im Rettungsdienst eingeführt und anschließend evaluiert.
Der besondere Wert des Modells liegt in seiner Ausrichtung auf die präklinisch-klinische Schnittstelle: Neben Akutbefund und medizinischer Vorgeschichte berücksichtigt es auch soziale und pflegerelevante Informationen.
Warum strukturierte Übergaben wichtig sind
Bei einer Übergabe wechselt nicht nur Information, sondern auch Verantwortung. Zeitdruck, Lärm, Unterbrechungen, unterschiedliche Fachsprachen und unklare Prioritäten können dazu führen, dass relevante Angaben fehlen oder missverstanden werden.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb einen standardisierten Übergabeprozess, ausreichend Zeit für Fragen, eine Konzentration auf versorgungsrelevante Informationen und – bei kritischen Angaben – Rücklesen beziehungsweise Wiederholen. Strukturierte Modelle sind dabei eine Gedächtnisstütze, ersetzen aber weder Aufmerksamkeit noch klinische Beurteilung.
A wie Aufnahmeinformation
Der erste Teil beantwortet: Warum ist die Patientin oder der Patient jetzt hier, und was ist akut relevant?
- Identität der Patientin oder des Patienten
- Grund der Einweisung beziehungsweise Hauptproblem
- Unfallhergang oder kurze Vorgeschichte des aktuellen Ereignisses
- klinischer Zustand und relevante Befunde nach dem verwendeten Untersuchungsschema, zum Beispiel ABCDE
- Vitalparameter und deren Verlauf
- Bewusstseinslage
- durchgeführte Maßnahmen und verabreichte Medikamente
- bekannte Allergien und relevante Infektionshinweise
- akute Veränderungen während Versorgung und Transport
Die Aufnahmeinformation beginnt mit dem Wesentlichen. Ein akut instabiler Zustand, ein kritischer Verlauf oder eine sofort notwendige Maßnahme darf nicht erst am Ende der Übergabe genannt werden.
B wie Begleitinformation
Der zweite Teil liefert den medizinischen Hintergrund, der für Einordnung und Weiterbehandlung benötigt wird:
- relevante Vorerkrankungen
- Dauermedikation, soweit bekannt
- Antikoagulation oder andere besonders bedeutsame Arzneimittel
- bekannte Vorbefunde, Implantate oder medizinische Hilfsmittel
- Abhol- beziehungsweise Auffindeort
- vorhandene Dokumente, Medikamentenlisten oder Befunde
„Relevant“ ist das Schlüsselwort: Die vollständige Krankengeschichte gehört nicht in jede mündliche Übergabe. Informationen werden danach ausgewählt, ob sie die aktuelle Einschätzung, Sicherheit oder weitere Versorgung beeinflussen.
S wie Sozialanamnese
Der dritte Teil beantwortet, was das übernehmende Team für Betreuung, Kommunikation und Organisation wissen muss:
- Bezugspersonen und erreichbare Kontaktdaten
- bereits informierte Angehörige, Einrichtungen oder Behörden
- Wohn- und Betreuungssituation
- kognitive Einschränkungen, Kommunikationsbarrieren oder Unterstützungsbedarf
- pflegerelevante Hinweise zum Ausgangszustand, etwa Mobilität oder Orientierung
- mitgebrachte Hilfsmittel und persönliche Gegenstände wie Brille, Hörgerät, Mobiltelefon oder Schlüssel
Diese Angaben sind nicht bloß „Nebensache“. Eine fehlende Brille, ein unbekannter Ausgangszustand oder eine nicht erreichbare Betreuungseinrichtung kann die weitere Versorgung erheblich erschweren.
Die sichere Übergabe in sieben Schritten
- Übergabebereitschaft herstellen: Blickkontakt aufnehmen und sicherstellen, dass die empfangende Person zuhören kann.
- Sich und das Team kurz vorstellen: Absender, Funktion und Herkunft des Transports nennen.
- Patientenidentität prüfen: Mindestens die lokal vorgesehenen Identifikationsmerkmale verwenden.
- ABS strukturiert berichten: Aufnahmeinformation, Begleitinformation und Sozialanamnese in dieser Reihenfolge übermitteln.
- Kritische Punkte hervorheben: Instabilität, Allergien, Antikoagulation, besondere Risiken und offene Maßnahmen klar benennen.
- Rückfragen und Rücklesen ermöglichen: Das empfangende Team fasst kritische Angaben bei Bedarf zusammen.
- Verantwortungsübergang abschließen: Klären, dass die Übergabe verstanden und übernommen wurde; Dokumente und Gegenstände nachvollziehbar übergeben.
Praxisbeispiel einer ABS-Übergabe
A – Aufnahmeinformation: „Wir übergeben Frau M., 78 Jahre. Sie wurde nach einem Sturz im Badezimmer mit Schmerzen an der linken Hüfte aufgefunden. Kein Bewusstseinsverlust, kein Hinweis auf Kopfaufprall. Die Vitalparameter blieben während des Transports stabil. Das linke Bein ist verkürzt und außenrotiert. Analgesie wurde nach Protokoll verabreicht, danach Schmerzreduktion. Allergie gegen Penicillin ist angegeben.“
B – Begleitinformation: „Bekannt sind Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie und Osteoporose. Laut Medikamentenliste nimmt sie ein orales Antikoagulans. Abgeholt wurde sie aus ihrer Wohnung; Medikamentenliste und e-card sind vorhanden.“
S – Sozialanamnese: „Frau M. lebt allein, wird morgens vom mobilen Dienst unterstützt und verwendet einen Rollator. Die Tochter wurde informiert und ist telefonisch erreichbar. Brille, Hörgerät und Wohnungsschlüssel wurden mitgebracht.“
Das Beispiel ist bewusst knapp. Reale Übergaben werden an Zustand, Dringlichkeit, lokale Vorgaben und verfügbare Informationen angepasst.
ABS-Checkliste für die Praxis
| Block | Leitfrage | Mindestinhalte |
|---|---|---|
| A – Aufnahmeinformation | Was ist jetzt passiert und wie ist der aktuelle Zustand? | Identität, Einweisungsgrund, Ereignis, Befund, Vitalverlauf, Maßnahmen, Allergien |
| B – Begleitinformation | Welcher Hintergrund beeinflusst die weitere Versorgung? | Vorerkrankungen, Medikation, Abholort, Befunde und Dokumente |
| S – Sozialanamnese | Was wird für Betreuung, Kommunikation und Organisation benötigt? | Bezugsperson, Wohn- und Betreuungssituation, Ausgangszustand, Hilfsmittel, Gegenstände |
Fünf typische Fehler bei der Übergabe
- Die Dringlichkeit bleibt unklar: Ein kritischer Zustand wird zwischen Nebendetails versteckt.
- Das Protokoll wird nur vorgelesen: Daten werden genannt, aber nicht priorisiert oder in einen Verlauf eingeordnet.
- Relevante Lücken werden nicht markiert: Unbekannte Medikation oder fehlende Angaben werden als scheinbar vollständig dargestellt.
- Es gibt keine Rückfragen: Die Übergabe endet, ohne dass Verständnis und offene Punkte geklärt wurden.
- Der Verantwortungswechsel bleibt diffus: Es ist nicht eindeutig, wer die weitere Versorgung übernommen hat.
ABS oder SBAR – welches Schema passt wann?
| ABS | SBAR beziehungsweise ISBAR |
|---|---|
| Entwickelt für die Übergabe vom Rettungsdienst an das Krankenhaus | Breit einsetzbar für klinische Kommunikation, Übergaben und Eskalationen |
| Gliedert in Aufnahme-, Begleitinformation und Sozialanamnese | Gliedert in Situation, Background, Assessment und Recommendation; ISBAR ergänzt Identifikation |
| Betont auch soziale, pflegerische und organisatorische Angaben | Betont Einschätzung und konkrete Empfehlung beziehungsweise Anfrage |
Die Modelle sind keine Konkurrenten. Entscheidend ist, welches Schema für die jeweilige Schnittstelle verbindlich festgelegt und im Team trainiert wurde. Ein einheitlich angewendetes Modell ist meist hilfreicher als mehrere parallel verwendete Varianten.
Datenschutz und Dokumentation
Patienteninformationen sollten nur an beteiligte Personen und möglichst in einer Umgebung übermittelt werden, in der Unbefugte nicht mithören. Genannt wird, was für sichere Versorgung, Betreuung und Organisation erforderlich ist.
Die mündliche Übergabe ersetzt nicht die vorgeschriebene Dokumentation. Nach lokalem Standard können unter anderem Zeitpunkt, beteiligte Personen, übergebene Unterlagen, besondere Risiken und der bestätigte Verantwortungswechsel festgehalten werden.
Das ABS-Schema anhand von Fällen trainieren
Die Online-Fortbildung „Das ABS Schema“ vermittelt das Instrument anhand einer theoretischen Einführung und konkreter Anwendungsbeispiele. Behandelt werden außerdem rechtliche Grundlagen und das ABCDE-Schema. Die Fortbildung dauert eine Stunde inklusive Abschlussquiz und schließt mit einem Fortbildungszertifikat ab.
Strukturierte Übergaben trainieren
Festigen Sie den Aufbau des ABS-Schemas anhand konkreter Situationen und schaffen Sie eine gemeinsame Übergabesprache für Rettungsdienst und Klinik.
Häufige Fragen zum ABS-Schema
Ist das ABS-Schema für jede Schichtübergabe gedacht?
Sein ursprünglicher Einsatzbereich ist die Übergabe zwischen Rettungsdienst und Krankenhaus. Für Schichtübergaben innerhalb einer Station können andere Modelle oder angepasste lokale Checklisten geeigneter sein.
Muss die Reihenfolge A–B–S immer eingehalten werden?
Die feste Reihenfolge schafft Orientierung. Bei akuter Lebensgefahr wird die unmittelbar notwendige Information jedoch zuerst kommuniziert; Versorgung und Eskalation haben Vorrang vor dem vollständigen Schema.
Was passiert, wenn Informationen nicht bekannt sind?
Fehlende Informationen werden ausdrücklich als unbekannt benannt. Vermutungen dürfen nicht als gesicherte Fakten weitergegeben werden.
Wie lange sollte eine ABS-Übergabe dauern?
Es gibt keine universelle Minutenvorgabe. Die Übergabe sollte knapp, aber vollständig genug für eine sichere Übernahme sein. Komplexität und Instabilität bestimmen den Umfang.
Wer trägt nach der Übergabe die Verantwortung?
Der Verantwortungsübergang muss nach den organisatorischen Vorgaben klar abgeschlossen werden. Deshalb gehört eine eindeutige Annahme der Übergabe ebenso zum Prozess wie das Übermitteln der Informationen.
Fazit
Das ABS-Schema bringt akute, medizinische und soziale Informationen in eine klare Reihenfolge. Besonders an der Schnittstelle zwischen Rettungsdienst und Krankenhaus hilft es, Prioritäten sichtbar zu machen und ein gemeinsames Verständnis zu schaffen. Seine Wirkung hängt jedoch davon ab, dass beide Seiten das Schema kennen, Rückfragen zulassen und den Verantwortungswechsel eindeutig abschließen.
Fachlicher Hinweis: Dieser Beitrag dient der Fortbildung und ersetzt keine organisationsinterne Übergaberegelung, medizinische Beurteilung oder rechtliche Einzelfallprüfung. Maßgeblich sind die lokalen Standards, Zuständigkeiten und Dokumentationsvorgaben. Stand: September 2026.
Quellen und weiterführende Literatur
- Plattform Patientensicherheit Österreich: ABS-Briefing – standardisierte Patientenübergabe.
- Land Tirol: Qualitätsförderprogramm – ABS-Briefing.
- World Health Organization: Communication During Patient Hand-Overs.
- Agency for Healthcare Research and Quality: TeamSTEPPS – SBAR communication tool.
- Shift Transition Communication Among Nurses: A Systematic Review of ISBAR- and SBAR-Based Structured Handover Tools, 2026.
- Beitragsbild: Navy Medicine auf Unsplash.


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